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Outside Freilager: Kochareal – die etwas anderen Nachbarinnen und Nachbarn

Nina Blau

Im zweiten Teil unserer neuen Serie “Outside Freilager“ besuchen wir für euch das Kochareal. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben unter dem Pseudonym Nina Blau unsere Fragen schriftlich beantwortet und anstatt ein Foto von sich eines von Emma Goldman zugeschickt.

Wer seid ihr? Was macht Ihr? Wie viele von euch beleben das Areal? Wie seid ihr organisiert? Worin besteht der Sinn und Zweck des Kochareals?

Auf dem Kochareal leben über hundert Menschen von überall, zwischen 0 und 60 Jahren, die sich diesen Ort zum Wohnen und Werken ausgesucht haben. Wir organisieren uns je nach Bedarf mal in grossen, mal in kleinen Zusammenhängen, haben mehrere Wohngruppen und Küchen. Entscheide werden am Plenum gefällt, zu dem alle Bewohner*innen eingeladen sind.

Wir tun das einerseits ganz pragmatisch, weil jede und jeder einen Platz zum wohnen braucht. Dadurch, dass wir mit unserer Miete keine gewinnhungrigen Aktionär*innen ernähren müssen, gewinnen wir mehr Zeit und Möglichkeiten, unsere Leben selbstbestimmt zu organisieren. Will heissen: Weniger Abhängigkeiten von Arbeit und Lohndruck, mehr Zeit, die eigenen Vorstellungen vom Leben umzusetzen.

Andererseits gibt es auf dem Areal wohl soviele Beweggründe für eine solche Art zu leben, wie hier Menschen wohnen. Für die eine geht es darum, dem kapitalistischen System so gut es geht Paroli zu bieten, für den anderen Zeit für kreative Projekte zu haben und dem Gelddruck etwas weniger ausgesetzt zu sein. Zudem bietet so ein Areal die Möglichkeit, Räume frei zu nutzen und zu gestalten. Veranstaltungen, Ausstellungen und Werkstätten können so betrieben werden, ohne dass sie Profit erwirtschaften und zittern müssen, ob die Miete Monat für Monat zusammenkommt. Veranstaltungen die hier stattfinden sind alle unkommerziell und von uns organisiert, es besteht kein Konsumzwang und jede und jeder ist eingeladen.

Welchen Einfluss hat das neue Freilagerareal auf euch? Gibt es nun mehr Personen die eure Veranstaltungen besuchen? Kauft Ihr nun im Spar ein? Werdet ihr von unseren Woko-Studenten belagert? Gibt es sonst neue Schnittstellen?

Gut Möglich, dass Leute aus dem Freilager Veranstaltungen besuchen, und gut möglich, dass Bewohner*innen vom Kochareal im Spar einkaufen und Sammelbildchen der Freilager-Bewohner*innen sammeln. Da wir über beide Vorgänge keine Statistiken führen können wir dazu nichts genaueres sagen. Wer sich für die Veranstaltungen interessiert ist herzlich willkommen!

Was haltet ihr Allgemein von unserer Grossüberbauung? Fehlt etwas für euch? Hätte man es anders machen sollen?

Das Freilager ist eine von gewinnorientierten Bauträgern finanziertes Riesenprojekt, das dem arrivierten Mittelstand eine Wohlfühloase bereitstellt, in dieser zwischen Minergie-Wänden seine Illusion von einem nachhaltigen Lebensstil auf 120 Quadratmetern träumen kann. Eine Illusion, weil die ach so nachhaltige Verdichtung bei doppelter Wohnfläche keine Ressourcen schont, und weil ein Bau eines Hauses wohl viel mehr Energie verbraucht, als ein altes Haus mit ineffizienter Isolierung verbraucht hätte (auf dem Areal standen übrigens bereits vorher stattliche Gebäude).

Die Bauträgerschaft hat mit der Umzonung des Baulandes derweil satte Planungsgewinne einstreichen können. Daran beteiligt waren auch Versicherungen und Pensionskassen. Somit agieren Pensionskassen einmal mehr gegen die Interessen der Menschen, deren Gelder sie verwalten: Indem sie aus Gewinnpflicht in die profitversprechenden Bauvorhaben investieren, die dann aber die Mieten teurer machen, weil ständig neu gebaut und teuer renoviert wird. Wieviele Leute – wohl auch im Zollfreilager – haben ihren hohen Wohnstandard und Mietpreis nicht freiwillig gewählt, sondern einfach dringend eine Wohnung gebraucht? Und arbeiten sich dumm, um die horrende Miete bezahlen zu können?

Gleichzeitig treiben solche Prestigebauten die Aufwertung im Quartier voran, so dass Häuser mit einem tiefen Komfort- und Baustandard nach und nach ersetzt werden. Den weniger betuchten Bewohner- und Nutzer*innen von so einem Quartier bleibt langfristig nur die Möglichkeit, weiter stadtauswärts zu ziehen, wo die Mieten noch zahlbar sind.

– Gibt es etwas was ihr den Bewohnern des Freilagers mitteilen möchtet?

Organisiert euch und besetzt eure eigenen Wohnungen! Die Besitzer*innen werden wohl kurz ein bisschen wütend, dürften sich aber schnell wieder beruhigen in Anbetracht, dass ihr ja über 2000 Leute und somit das grösste selbstverwaltete Wohnprojekt in ganz Europa seid.

www.kochareal.ch

 

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